Wo das Brauchtum noch lebt

Auch Steinmänner könnten Geschichten erzählen… Mit einem Lausbubenstreich hatte es begonnen. Jetzt sind seither bereits über 40 Jahre vergangen.

Das Sägemehl
Aus Sägemehl lässt sich kein Steinmann bauen, aber so nahm die Geschichte ihren haupt7Anfang. Es gibt in Obwalden eine Tradition (die auch heute noch lebt): Wenn man erfährt, dass zwei sich gern haben, so legt man in der Walpurgisnacht eine Sägemehlspur von einem Haus zum anderen. So geschah es vor über 40 Jahren. Dummerweise lag das eine Ende der Spur bei einer verheirateten Frau. Das sorgte für heisse Köpfe. Nach einiger Zeit wurde die Sache ruchbar, die beiden Sünder mussten vor den Friedensrichter.

Der Richterspruch
Der weise Mann verurteilte die zwei Burschen, 20 Franken für eine gute Tat im öffentlichen Interesse zu investieren. Dmittelpunktie beiden schlugen vor, auf dem höchsten Berg Sachselns, dem Brünighaupt, ein neues Steinmanndli zu bauen. Einige weitere junge Männer halfen mit und trugen das nötige Material auf den Berg. Bald stand das Werk, versehen mit einem Kasten für das Gipfelbuch. Das Steinmanndli wurde feierlich eingeweiht, und die Anwesenden wurden sich einig, jedes Jahr hier oben nach dem Rechten zu schauen.

Der Hauptmann
Steinmanndli_Klub_HauptEiner der Sünder wurde als Hauptmann gewählt – und er ist es auch nach 50 Jahren noch immer mit Freude. Er ruft die inzwischen rund 25 Mitglieder jeweils für die Walpurgisnacht zusammen, koordiniert die freiwilligen Einsätze zu Gunsten der Allgemeinheit und leitet die Hauptversammlung im September – bei gutem Wetter auf dem Brünighaupt. An der Hauptversammlung werden auch neue Mitglieder aufgenommen, sofern sie die Probezeit bestanden haben. Heute sind erfreulich viele junge Mitglieder dabei. Frauen haben bis heute keinen Zugang.

Der Berg
mittelpunkt4bEs wirkt wie eine imposante Burg, das Brünighaupt mit seinen 2311 Metern oberhalb der Alp Älggi. Für Kletterer gibt es einen direkten Zugang über die brüchige Nordkante, tritt – und schwindelfeste Wanderer besteigen es über die Rampe in der Wandflucht oder über das Abgschütz und den Südgrat. Die Ausssicht reicht von Luzern bis Interlaken und über die Mechsee Frutt zu den Berneralpen. Das Steinmanndli auf dem Vorgipfel wird überragt von einem grossen Kreuz auf dem höchsten Punkt.

Der Mittelpunkt
Nicht erst seint Niklaus von Flüe hatten die Sachsler das Gefühl, ein besonderes Völklein neuemauerzu sein. Als die Landestopografie 1988 den Mittelpunkt der Schweiz berechnete, sahen sie sich darin bestätigt: Die Berechnung ergab einen Punkt auf ihrer Alp Älggi, einem flachen Boden, umrahmt von Tannen und Flühen. Die Gemeinde erkannte eine Chance und übertrug die Ausführung eines „Nabels“ der Schweiz dem Steinmanndli Klub. Rund um die Pyramide als Symbol für die Landesvermessung bauten sie eine Mauer in der Form der Landesgrenze. Der anfangs einfach eingerichtete Picknickplatz wurde kürzlich mit zwei Häuschen, fliessendem Wasser und einem WC ergänzt.

Die Wanderwege
Schon vorher hatten die Steinmanndler mindestens einmal im Jahr einen ganzen Samstag eingesetzt, um Teilstücke des Sachsler Wanderwegnetzes auszubessern oder neu anzulegen. Neue Ketten oder die spektakulären zwei Leitern auf dem Grat (über 50 Meter!) erleichern oder sichern jetzt die Zugänge zum Haupt.

Was jeweils in die Kasse kommt, kann dann für ein Fest eingesetzt werden – und Festen feiern kann man in dieser Gegend. Da wird gesungen, der Hauptmann holt seine Flöte heraus und jemand beginnt zu löffeln. Bratchäs und Cheli werden auf dem offenen Feuer zubereitet. Nach einem oder zwei richtigen „Schwarzen“ sollte man nicht mehr unbeding Auto fahren…

Der Club
Die gemeinsamen Erlebnisse bewirken unter den Mitgliedern einen enormen Zusammenhalt. Das schliesst aber nicht aus, dass häufig sehr direkte Sprüche fallen. Es sind auch Leute von weiter weg dabei, darunter ein Pater, der den Steinmanndlern ab und zu ins Gewissen redet. Dank den verschiedenen Berufsrichtungen können sehr viele Arbeiten selber erledigt werden. Und weil der Nachwuchs gerne mitmacht, ist gewährleistet, dass auf dem Brünighaupt auch in 40 Jahren noch ein stolzes Steinmanndli steht…

Martin Gurtner, Wichtrach (Schweizerische Landestopografie und Steinmanndler)